Wo lebt das Glück? Was Architektur zu guten Beziehungen beitragen kann

In diesem Blogartikel zeigen wir anhand eines unserer aktuellen Projekte – der VILLA IM WALD –, wie Architektur ein positives Miteinander unterstützen kann.
Dafür stellen wir konkrete planerische und gestalterische Mittel vor, mit denen sich Nähe, Rückzug und verschiedene Formen des Zusammenseins räumlich organisieren lassen. Bevor wir jedoch diese Mittel näher erläutern, möchten wir noch auf den Grundgedanken eingehen.

Visualisierung eines modernen Mehrgenerationenhauses mit großen Glasfronten und Holzarchitektur inmitten einer Waldlichtung am Morgen.

Das Fundament des Glücks: verlässliche Beziehungen

Seit 1938 untersucht die Harvard Study of Adult Development, welche Faktoren zu einem zufriedenen Leben beitragen. 268 Harvard-Studenten und 456 junge Männer aus Boston wurden dafür über Jahrzehnte hinweg regelmäßig begleitet und befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass jene Teilnehmer besonders zufrieden waren, die sich in ihren Beziehungen unterstützt und sicher fühlten.

Dabei erwies sich, dass nicht die Größe des sozialen Netzwerks, sondern die Qualität des Miteinanders zählte: das Gefühl von Zugehörigkeit sowie das Wissen, Menschen an seiner Seite zu haben, auf die man sich verlassen kann.

Gelingendes Miteinander — Vorbild Blue Zone

Ein in diesem Zusammenhang oft zitiertes Beispiel sind die Berggemeinden der sogenannten sardinischen Blue Zone. Die Orte Villagrande Strisaili, Seulo, Arzana und Baunei sind deshalb so interessant, weil dort verschiedene Generationen nach wie vor im Alltag verbunden sind, da sie zusammenwohnen. Die Unterstützung erfolgt in beide Richtungen: Großeltern helfen bei der Betreuung der Kleinen und können gleichzeitig auf die Unterstützung der Familie und Nachbar*innen zählen.

Das Beiläufige spielt dabei eine große Rolle: Gemeinschaft entsteht nicht nur durch geplante Zusammenkünfte, sondern wächst vor allem durch wiederkehrende und spontane Begegnungen im Alltag. Diese können ganz unterschiedliche Formen annehmen: zufälliger Austausch während eines Spaziergangs oder ein gemeinsames Abendessen.

Das klingt schön, ist aber nicht ohne Weiteres auf jeden Lebensstil übertragbar. Doch wie können Räume dazu beitragen, dass Verbindung und Gemeinschaft im Alltag entstehen? Die räumliche Freiheit, entscheiden zu können, wann man Gemeinschaft sucht und wann man lieber allein sein möchte, ist für uns eine der zentralen Qualitäten eines gelungenen Zuhauses. Diese Freiheit ermöglicht Nähe, ohne den Rückzug einzuschränken.

Architekturmodell aus geometrischen Baukörpern auf Sand als Darstellung der räumlichen Anordnung und Verbindung einzelner Wohnbereiche.

Generationen-Glück

Für den Entwurf eines Mehrgenerationenhauses, das auf einem außergewöhnlichen Grundstück inmitten einer Waldlichtung im Süden Wiens situiert ist, haben wir genau diese Balance aus Verbundenheit und Eigenständigkeit zum Ausgangspunkt der Planung gemacht.

Dafür folgen wir nicht der klassischen Großhaus-Logik, die durch maximales Volumen mehrere Generationen unter einem Dach versammelt, sondern gliedern den familiären Lebensraum in mehrere eigenständige Baukörper, die gemeinsam ein Ensemble bilden.

Eines der Haupthäuser ist für die Eltern vorgesehen, ein weiteres für die junge Familie. Darüber hinaus gibt es eine separate Wohneinheit für ein weiteres Familienmitglied sowie einen unabhängig zugänglichen Gästebereich.

Eine Abfolge von Wegen und Plätzen verbindet die Häuser miteinander und schafft immer Treffpunkte für spontane Begegnungen“ – etwa an einem gemeinsamen Sitzplatz, einer Feuerschale oder auf einer Terrasse.

So leben die Familien nahe genug nebeneinander, dass Austausch und gegenseitige Unterstützung zur Selbstverständlichkeit werden können. Gleichzeitig hat jede Generation ihren eigenen Wohnbereich, abgestimmt auf ihre Bedürfnisse und Routinen, mit der Möglichkeit zum Rückzug.

Visualisierung eines modernen Mehrgenerationenhauses mit großen Glasfronten und Holzarchitektur inmitten einer Waldlichtung zu Mittag.

Offenheit zur Landschaft und gleichzeitig Geborgenheit

Bei diesem Projekt spielt auch der Wald, der die Gebäude umschließt, eine entscheidende Rolle. Es war der ausdrückliche Wunsch unserer Klient*innen, so nah wie möglich an der Natur zu leben – mit großzügigen Fensterfronten und hohen Decken, die den Blick auf die Baumspitzen und den Himmel freigeben sollten. Gleichzeitig sollte das Ensemble den Charakter eines privaten Retreats bewahren.

Um diesen Kontrast auszubalancieren, haben wir vor allem mit der Situierung der Gebäude und der Sichtachsen gearbeitet. Zwischen den Gebäuden entstehen geschützte Innenhöfe und Nischen. Baumreihen strukturieren die Blicklinien, schaffen durch Distanz offene Lichtungen und filtern Ein- und Ausblicke – wie ein natürlicher Zaun. Auch hier folgt die Planung derselben Logik wie das Zusammenleben: Offenheit dort, wo sie gewünscht ist, und Rückzug dort, wo er gebraucht wird.

Architekturmodell aus geometrischen Baukörpern auf Sand als Darstellung der räumlichen Anordnung und Verbindung einzelner Wohnbereiche von der Seite.

Architektur, die verbindet – unsere planerischen Mittel

Gemeinschaft lässt sich nicht erzwingen. Architektur kann jedoch die räumlichen Voraussetzungen dafür schaffen, Begegnung zu ermöglichen, ohne sie einzufordern, und Rückzug zuzulassen, ohne Gemeinschaft auszuschließen.

Dafür ist es wichtig, verschiedene Grade der Nähe zu schaffen, anstatt nur zwischen ‚zusammen‘ und ‚getrennt‘ zu unterscheiden.

GETRENNTE PRIVATE BEREICHE werden durch gemeinsame Zwischenräume miteinander verbunden. Jede Generation kann ihr eigenes Apartment, ihre eigene Etage, ihren eigenen Flügel oder Gebäudeteil haben, während Terrasse, Garten, Innenhöfe oder ein gemeinsamer Eingangsbereich Situationen bilden, an denen sich Wege wie selbstverständlich kreuzen: Man muss den anderen nicht formell „besuchen“, weil Begegnungen spontan stattfinden können.

SCHWELLEN statt scharfer Grenzen. Veranden, Loggien, Innenhöfe oder überdachte Terrassen liegen zwischen privaten und gemeinschaftlichen Bereichen. Sie machen den Übergang lesbar, ohne ihn als harte Trennung auszubilden.

VISUELLE VERBINDUNG ohne direkten Zugang. Fensteröffnungen, Sichtlinien über den Innenhof, Ausblicke von einer Terrasse zur anderen können das beruhigende Gefühl von Präsenz à la „ich weiß, dass die anderen da sind“ erzeugen.

AKUSTISCHE UND RÄUMLICHE PUFFER. Abstellräume, Badezimmer, Korridore, Treppenhäuser, Gärten und sogar kleine Innenhöfe oder Atrium-Situationen zwischen den Wohnbereichen schützen die Privatsphäre. Denn Unabhängigkeit ist nicht nur visuell – Fernsehlärm, Gespräche und Alltagsgeräusche können den Wohnkomfort deutlich mindern und liefern Stoff für Konflikte.

MEHRERE ROUTEN durch das Haus. Separate Eingänge, Nebentreppen und alternative Pfade für die Alltagswege durch ein Gebäude ermöglichen den Generationen, selbst zu wählen, ob sie Gemeinschaftsbereiche durchqueren oder umgehen möchten.

GETEILTE RÄUME, die niemandem im Speziellen gehören. Eine Outdoor-Küche, eine Werkstatt, eine Bibliothek, eine Poolterrasse können als eine Art neutrales Terrain dienen. Wichtig ist, dass diese Bereiche der ganzen Familie gehören und man nicht das Gefühl hat, dass man jetzt den Bereich der Großeltern oder der Jungfamilie betritt.

Eine gute generationenübergreifende Architektur maximiert nicht das Zusammenleben, sondern die Wahlmöglichkeiten.

Wie nah oder unabhängig die einzelnen Bereiche voneinander wirken, entscheidet sich oft in den Zwischenräumen: in den Abständen, Blickbeziehungen und Wegen zwischen den Gebäuden. Das sind noch keine spektakulären Gesten, aber sie können dazu beitragen, dass Nähe als bereichernd und nicht als erdrückend empfunden wird. So entsteht ein Gefüge, das verbindet, ohne zu verschmelzen.

Visualisierung eines modernen Mehrgenerationenhauses mit großen Glasfronten und Holzarchitektur inmitten einer Waldlichtung bei Dämmerung.

Zurück zum Glück

Auch wenn das Glück leider nicht planbar ist, kann Architektur dennoch unterschiedliche Grade der räumlichen Nähe schaffen: Orte für das Zusammensein, Nischen für Rückzug und Plätze dazwischen. Architektur kann damit Nähe von einer Verpflichtung in eine Möglichkeit verwandeln.

Vielleicht liegt darin auch die Antwort auf die Titelfrage: Das Glück lebt nicht in einem bestimmten Raum, sondern in den Wahlmöglichkeiten dazwischen.

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