Paris bei 40 Grad: Architektur & Abkühlung

Wir waren vor ein paar Wochen in der Stadt an der Seine – in jener Woche, die zur bislang heißesten des Sommers werden sollte. Menschen sprangen zur Abkühlung von den Brücken in die Seine. Der Zugang zum Eiffelturm wurde uns hitzebedingt verwehrt, auch das Palais de Tokyo blieb wegen der hohen Temperaturen geschlossen. Die Karten für den Louvre waren ausverkauft, das Centre Pompidou wegen seines Umbaus geschlossen.

Paris während einer sommerlichen Hitzewelle mit urbaner Architektur und heißen Straßen

Was also tun in Paris, wenn der ursprüngliche Plan schmilzt?

Umplanen. Architekten-Skill Nummer eins.

Denn Paris ist im Sommer nicht nur eine Stadt der Plätze, Boulevards und Fassaden. Es ist auch eine Stadt der Zwischenräume: schattige Innenhöfe, kühle Museen und leise Passagen abseits des Trubels. Gerade wenn die Hitze auf dem Asphalt steht, beginnt man Architektur anders zu lesen und zu schätzen. Nicht nur als Form, sondern als Einladung: Wo kann man bleiben? Wo bietet die Stadt Schutz vor Hitze? Wo verändert ein Raum unsere Geschwindigkeit?

Auf unserem Streifzug durch die Metropole fanden wir einige erfrischende und inspirierende Orte, an denen es sich sehr gut aushalten ließ. Hier kommen ein paar Reiseempfehlungen – von junger beer getestet und für gut befunden.

Außenansicht der neuen Fondation Cartier in Paris von Jean Nouvel

Wie kann ein Museum selbst in Bewegung geraten?

Unser Startpunkt war die neue Fondation Cartier am Place du Palais-Royal. Jean Nouvels Architektur denkt Kunst, Stadt und Bewegung nicht getrennt, sondern als veränderbares System. Für die Fondation Cartier entwickelte Nouvel die Idee des Museums zu einer beweglichen Raummaschine weiter.

Innenraum der Fondation Cartier mit variablen Ausstellungsebenen und moderner Architektur

Hinter der historischen Fassade entfalten sich Ausstellungsräume aus mobilen Ebenen, deren Höhe und Anordnung an die jeweilige Ausstellung angepasst werden können. Fünf massive Stahlplattformen lassen sich anheben oder absenken. Mal werden sie zu Böden, mal zu Decken, mal zu Bühnen. Wie überdimensionale Aufzüge verändern sie Raumhöhe, Licht und Atmosphäre – und damit das Museum selbst.

Ausstellungsräume aus mobilen Ebenen, deren Höhe und Anordnung an die jeweilige Ausstellung angepasst werden können.

Besonders eindrücklich war der Blick durch die Glasfassade auf die Trottoirs: Von der Architektur gerahmt, wirkten die Bewegungen der Stadt plötzlich wie lebendige Bilder. Passant:innen, Schatten und Spiegelungen wurden Teil der Ausstellung. Genau darin liegt die Qualität dieses Hauses: Es zeigt nicht nur Kunst, sondern macht spürbar, dass auch Architektur selbst in Bewegung geraten kann.

Blick durch die Glasfassade auf die Trottoirs

Wie viel Gegenwart verträgt ein historischer Rundbau?

Auch die Bourse de Commerce zeigt, wie kraftvoll ein Umbau sein kann. Der historische Rundbau, heute Teil der Pinault Collection, wurde von Tadao Ando in ein Museum für zeitgenössische Kunst verwandelt.

Historische Bourse de Commerce in Paris mit zeitgenössischem Umbau von Tadao Ando

Mit seiner zentralen Rotunde, der Kuppel und dem präzise eingesetzten Sichtbeton verbindet das Haus Geschichte und Gegenwart zu einem Raum, der zugleich überraschend und selbstverständlich wirkt – ein architektonisches Kunststück, unserer Meinung nach.

Besonders im Sommer ist das ein wohltuender Gegenentwurf zur überhitzten Stadt: konzentriert, kühl, monumental.

Rotunde der Bourse de Commerce mit Kuppel und markantem Sichtbeton

Wenn sich ein Raum plötzlich auflöst

Ein besonderer Moment war die Installation Cloud #07156 von Fujiko Nakaya. In der Rotunde steigt dichter weißer Nebel auf, legt sich in den Raum, verschluckt Konturen und lässt Besucher:innen für kurze Momente erscheinen und wieder verschwinden.

Die Wolke besteht aus feinem Wassernebel und verändert sich ständig – abhängig von Luft, Licht und Bewegung im Raum. Architektur wird hier durch die Intervention der Künstlerin nicht bloß betrachtet, sondern körperlich erfahrbar: Man steht in ihr, verliert die Orientierung, sieht weniger und spürt dafür umso mehr.

Praktischer Nebeneffekt: Die Bourse de Commerce liegt im 1. Arrondissement, ziemlich ideal zwischen Louvre und Centre Pompidou. Also genau richtig, wenn man für den Louvre keine Karten mehr bekommt oder das Centre Pompidou noch immer umgebaut wird.

Weiße Nebelinstallation „Cloud #07156“ in der Rotunde der Bourse de Commerce

Der schönste Moment?

Ein kleines Besucherhighlight versteckt sich übrigens beim Warten auf den Aufzug: Ryan Ganders Arbeit Ever After: A Trilogy (I… I… I…) aus dem Jahr 2019.

In einem Loch in der Wand sitzt eine animatronische weiße Maus mit Sprachfehler, die Besucher:innen unerwartet anspricht. Ein fast beiläufiger Moment, aber genau deshalb so schön: Während man auf den nächsten Raum wartet, öffnet sich plötzlich ein winziges Paralleluniversum in der Wand.

Absolut nachvollziehbar, dass diese Maus für uns jungebeeren ein Highlight war.

Animatronische weiße Maus als Kunstinstallation in der Bourse de Commerce

Eine Frage der Schichten

Auch kulinarisch lohnt es sich, den ursprünglichen Plan gelegentlich zu verlassen. Bei Carton Paris, einer handwerklichen Boulangerie und Pâtisserie nahe dem Gare du Nord, fanden wir Croissants, für die man gerne einen kleinen Umweg macht: außen goldbraun und knusprig, innen luftig, weich und in unzählige feine Butterschichten aufgeblättert.

Gute Konstruktion zeigt sich schließlich nicht nur in Beton und Stahl.

Die Bäckerei gibt es nach eigenen Angaben seit 1956. Ihre Buttercroissants wurden sogar bei einem Wettbewerb um das beste croissant au beurre im Großraum Paris ausgezeichnet. Eine Auszeichnung, die wir nach eingehender Prüfung durchaus nachvollziehen können.

Goldbraunes Buttercroissant aus der Bäckerei Carton Paris

Pariser Eleganz im Schatten

Frisch gestärkt ging es weiter ins Petit Palais. Wer es etwas klassischer und intimer mag, findet hier einen der schönsten Orte zwischen Museum und Garten.

Innenhof oder Architektur des Petit Palais in Paris mit schattigen Kolonnaden

Die aktuelle Ausstellung zu Károly Ferenczy zeigt ungarische Moderne, aber fast ebenso sehenswert ist das Haus selbst: ein Stadtpalais mit Kolonnaden, Innenhof und jener Pariser Eleganz, die sich nie aufdrängt.

Innenhof oder Architektur des Petit Palais in Paris mit schattigen Kolonnaden

Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Und dann ist da noch der Pont Neuf. Für kurze Zeit wurde die älteste Brücke von Paris durch JR in eine begehbare Fels- und Höhlenlandschaft verwandelt. Eine Brücke, die plötzlich nicht mehr nur Verbindung war, sondern Erlebnis.

Die Kraft solcher Interventionen macht bewusst, dass Architektur nicht immer neu gebaut werden muss, um eine Stadt immer wieder neu erfahren zu lassen.

Pont Neuf mit begehbarer Kunstinstallation von JR in Paris

Besucherinnen und Besucher auf der Kunstinstallation am Pont Neuf

Detailansicht der temporären Installation auf dem Pont Neuf

Was bleibt von Paris bei 40 Grad?

Vielleicht ist das der inspirierendste Gedanke für eine Sommerreise nach Paris: Die besten Orte sind nicht immer die bekanntesten. Sondern jene, die uns kurz aus dem Tempo nehmen. Orte, die Schatten spenden, Blickachsen öffnen und zeigen, wie sehr Räume unser Erleben verändern.

Architektur und sommerliche Atmosphäre in Paris während der Hitzewelle

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