Zwei Treppen, eine Achse

Bei unserer letzten Architekturreise nach Paris begegnete uns in der Bourse de Commerce ein Detail, das erst auf den zweiten Blick seine Besonderheit preisgibt: die historische Doppeltreppe.

Auf den ersten Blick scheint sie sich einfach elegant nach oben zu winden. Erst beim genaueren Hinsehen wird klar, dass hier eigentlich zwei Treppen ineinandergreifen. Zwei voneinander getrennte Läufe drehen sich wie eine Doppelhelix um dieselbe Achse – einander ganz nah und doch ohne sich zu kreuzen.

Was heute beinahe spielerisch und überraschend wirkt, entstand ursprünglich aus einer sehr pragmatischen Überlegung.

Bourse de Commerce historische Doppeltreppe

Architektur als Logistik

Bevor die Bourse de Commerce zum Museum für zeitgenössische Kunst wurde, war das Gebäude die Pariser Getreidehalle, die Halle aux blés. Hier musste nicht nur repräsentiert, sondern vor allem gearbeitet, transportiert und verteilt werden. Die besondere Konstruktion der Treppe ermöglichte es den Trägern, schwere Getreidesäcke gleichzeitig nach oben und unten zu bewegen, ohne einander auf den schmalen Treppenläufen in die Quere zu kommen. Ein Lauf führte hinauf, der andere hinunter. Die Form, die heute fast skulptural erscheint, war also zunächst eine äußerst konkrete Antwort auf Bewegung, Arbeitsabläufe und Effizienz.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum sie noch heute so stimmig wirkt: Ihre besondere Gestalt entstand nicht um ihrer selbst willen. Sie folgt einer Nutzung.

Vogelperspektive Bourse de Commerce historische Doppeltreppe

Eine dritte Bewegung: Licht

Heute hat sich die Funktion des Gebäudes grundlegend verändert. Wo einst Getreidesäcke transportiert wurden, bewegen sich Besucherinnen und Besucher durch die Räume der Pinault Collection.

Ronan und Erwan Bouroullec reagieren mit ihrem Beleuchtungskonzept auf diese historische Architektur, ohne mit ihr zu konkurrieren. In die gemeinsame Mitte der beiden Treppen setzen sie eine dritte, vertikale Gegenbewegung: Licht.
Die Installation „Luce Verticale“ zieht sich wie eine leuchtende Wirbelsäule durch das Zentrum der Doppelhelix. Während sich die beiden historischen Treppenläufe umeinander nach oben bewegen, folgt die Leuchte einer einzigen vertikalen Linie.

Spirale und Vertikale: Die unterschiedlichen räumlichen Kräfte werden plötzlich sichtbar. Dabei ist die Leuchte nicht nur eine Lichtquelle. Auch ausgeschaltet bleibt sie als räumliches Objekt präsent. Ihre filigrane Struktur besetzt das Zentrum der Treppe, ohne deren historische Konstruktion zu verdecken. Alt und neu stehen nicht nebeneinander, sondern treten miteinander in Beziehung.

Bourse de Commerce historische Doppeltreppe

Bewegung als Teil der Architektur

Besonders spannend wird dieser Raum erst durch seine Nutzung. Menschen steigen auf den beiden Treppen nach oben und unten, tauchen auf, verschwinden wieder hinter den Windungen und erscheinen einige Meter höher erneut. Licht fällt durch das Treppenhaus, Körper werfen Schatten auf Wände und Stufen. Die historische Konstruktion und die zeitgenössische Installation bilden dabei nur den Rahmen für etwas, das sich ständig verändert.
Vor rund 250 Jahren sollte die Doppeltreppe dafür sorgen, dass zwei Bewegungsrichtungen möglichst reibungslos aneinander vorbeigeführt werden. Heute ist genau diese Bewegung Teil des räumlichen Erlebnisses.

Aus einer Lösung für ein logistisches Problem ist ein Stück Architektur geworden, das zeigt, wie eng Funktion und Schönheit manchmal miteinander verbunden sind. Die Bouroullecs versuchen dabei nicht, die historische Idee neu zu erzählen oder zu übertrumpfen. Sie ergänzen sie um eine neue Ebene.

Zwei Treppen. Eine gemeinsame Achse. Und dazwischen eine dritte Bewegung aus Licht.

Design: Ronan & Erwan Bouroullec
Lighting production: Flos Bespoke

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